Hanf in Preußen


Hanfanbau als Reaktion auf den doppelten Marktwandel der Textilindustrie zur Zeit Friedrich II.

Rainer Nowotny
08.08.2022

Der 16 jährige Kronprinz Friedrich - die Preußen nennen ihn den Großen - fuhr mit seinem Vater Friedrich Wilhelm 1728 nach Dresden und besuchte König August - die Sachsen nennen ihn den Starken. Abgesehen von den Anekdoten, der junge Friedrich soll zum Beispiel in Dresden seine Unschuld verloren haben, beeindruckten Vater und Sohn der Reichtum im Dresdner Schloss; generell in Sachsen.

Die Quellen sächsischen Reichtums waren: 1. der systematisch aufgebaute, erfolgreiche Bergbau 2. dass auf Fleiß basierte Leinenhandwerk und die Manufakturen des Textilgewerbes.

Wie sollte Preußen dem gleichkommen? Ein Erzgebirge besaß es nicht. Was tun? Einfach nachmachen, was die Sachsen schon konnten?
Für Friedrich II galt es, ein Potsdamer Sanssouci zu errichten, gleich dem Dresdner Zwinger. Zunächst versuchte Friedrich II Schlesien zu erobern, was jedoch recht erfolglos blieb.

1759 floh er nach etlichen Kriegszügen zurück über die Oder und betrachtete sein Land.

An fruchtbaren Böden mangelte es. Überall zogen sich Brüche und Moore entlang der Urstromtäler. Was tun? Die sächsische Leinenindustrie aufholen und überholen? Die sächsische Leinenindustrie, die flämische, aber auch die am Niederrhein und in einigen anderen Regionen Mitteleuropas blickten jeweils auf eine lange stetige Entwicklung zurück. Nicht nur auf den landwirtschaftlichen Anbau bezogen, die bäuerliche Fasergewinnung, später die in Manufakturen; das Spinnen ganz ähnlich, die spezialisierte Qualitätsführung von Garnen, das Weben, das Färben und so weiter; und auch hier die spezialisierte Qualitätsführung, schließlich der Vertrieb im Konfektionsmarkt.

Etwa in dieser Zeit stellte sich der Leinenindustrie ein gewaltiger Konkurrent gegenüber.

Seit den Jahren um 1492 strebten europäische Mächte die Gründung von Kolonien in entfernten Gebieten der Erde an, um sich an deren Gold, Gewürzen, Baumwolle und mancherlei zu bereichern. Mit der Gründung der ersten Aktiengesellschaft 1602 wird die koloniale Schifffahrt nach Übersee zur Rohstoff-Beschaffung für die aufstrebenden kapitalistischen Wirtschaftsstrukturen. Aus Indien kam Baumwolle. Die Briten verdrängten in Indien nach und nach die Niederländer und erkämpften sich schließlich das Welthandelsmonopol für Baumwolle. Britische Koloniebestrebungen gab es auch in Nordamerika und 1619 begann bereits der Sklavenhandel in Jamestown in Virginia, als dort ein Schiff mit gefangenen Afrikanern zum Zwecke des Menschenhandels dort landete. So entwickelte sich der nordamerikanische Plantagenanbau von Baumwolle.

Friedrich II kam also in sein Land und träumte von einem „Schlösschen auf dem Weinberg“ vor Potsdam.

Auf der Rückkehr über die Oder entschloss er sich, Holländer zu holen, den Oderbruch zu gewinnen, das Rhinluch und die Moore im Havelland zu meliorisieren ; den Anbau von Kartoffeln durchzusetzen…

(Pause zum Atemholen) Und weiter? Für eine Leinen-Textil-Wirtschaft hätte man zwar Flachs anbauen können, aber es fehlte die Weiterverarbeitung, das erfahrene Handwerk und die Struktur der Leinen-Manufakturen.

Wo waren die Märkte? Leinentextilien wurden bedrängt vom wachsenden Angebot an Baumwolle.

Aber: Die Segelschifffahrt explodierte. England hatte die Spanier und Portugiesen hinter sich gelassen, schließlich die Niederlande kriegerisch verdrängt. England gierte nach Baumwolle, um massenhaft feine und feinste Bekleidungstextilien auf den Markt zu bringen. Die technische Revolution von 1764 bahnte sich an, den Markt für feine Textilien ungeahnt zu beschleunigen. Für die englische Textilindustrie auf der Grundlage von Baumwolle aus den Kolonien und aus der nordamerikanischen Sklaverei brauchte man Schiffe, viele Schiffe.
Schiffe brauchen massenhaft Kalfaterhanf, Takelage und Segeltuche. Der Markt für Bastfasern schlug eine seemännische Halse.

Die Lösung Friedrich II: Die preußischen Bauern bauen Hanf an und verkaufen Hanffasern an die Hafenstädte. In Hamburg und vielen anderen Hafenstädten entstanden Reeperbahnen.

Hanf war der Stoff der kolonialen Seefahrt nach 1764. Das machte Preußen immerhin so reich, dass es eine starke Armee aufbauen konnte.

Preußen blickte auf einen doppelten Umschwung der Märkte der Textilwirtschaft: 1. Der Faserleinen, vordem der Rohstoff feiner Textilien, wurde von der Baumwolle bedrohlich konkurriert. Die Leinenmanufakturen unterlagen der neuen Baumwollindustrie. 2. Für die neue Phase des Kolonialismus im Dienste der kapitalistischen Rohstoff-Beschaffung wurde eine andere Bastfaser zum begehrten Industrierohstoff.

Hanf brauchte man nicht mehr für Bekleidungstextilien, sondern für technische Textilien: Kalfatermaterial, Takelage, Segeltuche.

Den doppelten Marktwandel erkannte Friedrich II und forcierte in Preussen massiv den Hanfanbau.

Dieser Vergleich erhellt uns heute die Frage, wohin sich neue wirtschaftliche Entwicklungen bewegen sollten! Einem bestehenden Markt einen Wettbewerb entgegen setzen? Oder neue Technologien und Produktionslinien gemäß geänderter Herausforderungen zu entwickeln? Konkurrenzbestreben ist ein schlechter Ratgeber. Wenig bewirkt es, sich mit Altem zu messen. Den Blick auf die neuen Umstände unserer Zeit gilt es zu schulen. Innovationen braucht das Land. Veränderung braucht helle Köpfe.